Aus: Matthias Karmasin, Rainer Ribing Die Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten Ein Leitfaden für Seminararbeiten, Bachelor-, Master- und Magisterarbeiten sowie Dissertationen 7. Auflage UTB:facultas.wuv 2012, 166 Seiten ISBN 978-3-8252-3839-1 (print) EUR 11,99 ISBN 978-3-8463-3839-1 (e-pub) EUR 9,99 ISBN 978-3-8385-3839-6 (online leserecht) EUR 9,99 Erhältlich im Buchhandel oder unter: www.utb-shop.de  Inhalt 1.1 Inhaltliche Ansprüche an wissenschaftliche Abschlussarbeiten 1.2 Gesetzliche Grundlagen 1.2.1 Urheberrecht 1.2.2 Hinweise zu Rechten und Pflichten für Autorinnen und Autoren 1.3 Thema und Betreuer 1.4 Forschungsfrage 1.4.1 Formulieren der Forschungsfrage 1.4.2 Grundtypen verschiedener Fragestellungen 1.5 Inhaltlicher Aufbau der Disposition und der späteren Arbeit 1.5.1 Einleitung 1.5.2 Hauptteil 1.5.3 Schluss (Fazit) 1.6 Tipps zur Planung 1.6.1 Zeiteinteilung 1.6.2 Arbeitstagebuch 1.7 Stil der Arbeit 1.7.1 Thesaurus 1.7.2 Stilmittel 1.7.3 Gendermainstreaming 1.8 Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten 1.8.1 Methodik beim Beurteilen der Arbeit 1.8.2 Ein Kriterienkatalog zur Beurteilung 1.9 Die Abfassung der Arbeit in englischer Sprache  1 Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit Warum schreiben Sie eine wissenschaftliche Arbeit? Weil Sie müssen? Die meisten Studien erfordern den Nachweis der Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten durch die Abfassung schriftlicher (Abschluss-)Arbeiten. Doch auch wenn Sie wissenschaftliche Arbeiten schreiben „müssen“, lassen sich diese dennoch mit Leben füllen und können abgesehen von (lebens-)praktischer Relevanz auch einen Beitrag zum Fortschritt der Disziplin leisten. Wissenschaftliche Arbeiten sind jedoch nicht nur vom Namen her, sondern auch tatsächlich mit Arbeit verbunden. Mit dem Grad des Umfanges und der Komplexität der Arbeit steigen auch die intellektuellen und zeitlichen Anforderungen an die Schreibenden. Zu den Voraussetzungen, eine gute wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, gehören daher auch Ausdauer und Konsequenz. Aber keine übertriebene Sorge! Das wissenschaftliche Arbeiten folgt wie andere Tätigkeiten auch klaren Kriterien und mit entsprechender Anleitung können diese erfolgreich abgearbeitet werden. Nach dem Lesen dieses Kapitels werden Sie bereits das Licht am Ende des wissenschaftlichen Tunnels sehen können. 1.1 Inhaltliche Ansprüche an wissenschaftliche Abschlussarbeiten Mit Fortgang des Studiums steigen sowohl Umfang als auch Anspruch an die Wissenschaftlichkeit und Eigenständigkeit der Studierenden. Seien es Hausarbeiten, Masterarbeiten oder Dissertationen, zum wissenschaftlichen Arbeiten gehören:3 • die Erfassung von Problembereichen • die Beschaffung von und der Umgang mit Literatur • die Strukturierung von Themen und die Formulierung von Forschungs- fragen 3 Vgl. Preissner (1998:3). Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit • gegebenenfalls die Durchführung empirischer Untersuchungen • die Formulierung der Arbeit und deren formale Gestaltung (Zitate, Ver- zeichnisse etc.) Haus- und Seminararbeiten dienen primär der ersten Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Techniken. Die erforderliche Seitenzahl des Textteiles liegt hierbei in der Regel bei 15–20 Seiten bzw. kann sich bei Gruppenarbeiten auf bis zu 50 oder mehr Seiten erstrecken. Mit der Bachelor-, Master-, Magister- oder Diplomarbeit sollen Studierende ihre Qualifikation für eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten demonstrieren. In diesem Falle kann freilich – im Unterschied zu einer Dissertation – eine mit Fleiß zusammengestellte Reproduktion von Fachliteratur bzw. eine umfängliche Darstellung des Standes der Forschung ausreichend sein. Der Umfang dieser Arbeiten bewegt sich meist bei 80–120 Seiten. Von einer Dissertation bzw. Doktorarbeit wird eine hochstehende originäre wissenschaftliche Eigenleistung gefordert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die methodische Fundierung der Arbeit sowie auf den Beitrag zum Erkenntniszuwachs im jeweiligen Fachgebiet gelegt. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 1.2 Gesetzliche Grundlagen Wissenschaftlich zu arbeiten bedeutet vor allem auch, verantwortlich zu arbeiten. Dazu zählen Ehrlichkeit, klare Begriffsverwendung, Übersichtlichkeit, Allgemeingültigkeit (in definierten Grenzen) und Überprüfbarkeit. 1.2.1 Urheberrecht Eine besondere Pflicht bei der Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit ist das korrekte Zitieren. Übernommenes fremdes Gedankengut ist in jedem Fall – egal ob als wörtliches oder sinngemäßes Zitat – als solches kenntlich zu machen. Eigene Standpunkte und jene anderer Autoren müssen also jeweils erkennbar sein. Kurz: Jedes Zitat muss überprüfbar und einwandfrei nachvollziehbar sein. Das Urheberrecht schützt Werke als Ganzes und in seinen Teilen als „eigentümliche geistige Schöpfungen auf den Gebieten der Literatur, der Tonkunst, der bildenden Künste und der Filmkunst“.4 Damit u. a. verbunden ist das Persönlichkeitsrecht (Schutz der Person in Bezug auf Rechtsgüter – z. B. das Recht auf Urheberbezeichnung). Für den Anwendungsbereich in einer wissenschaftlichen Arbeit bedeutet das im Besonderen, dass jedes Zitat eine Urheberbezeichnung mit Quellenangabe aufweisen muss. Plagiate haben bereits zur Aberkennung von akademischen Titeln geführt. Das wissenschaftlich korrekte Zitieren beschreiben wir in Kap. 4 in diesem Buch. 1.2.2 Hinweise zu Rechten und Pflichten für Autorinnen und Autoren Entsprechende Hochschulordnungen oder Studiengesetze regeln Rechte und Pflichten bei der Abfassung von wissenschaftlichen Arbeiten. Wir haben uns entschieden, einen thematischen Auszug aus diesen Bestimmungen abzubilden, um so entsprechende Hinweise für alle Studierenden im deutschsprachigen Raum über rechtliche Grundlagen zum Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten zu geben: Bitte klären Sie bei Be- 4 Urheberrecht, BGBl 111/1936, § 1. Abs. 1. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit darf die für Sie gültigen gesetzlichen bzw. rechtlichen Grundlagen in dem für Sie zuständigen Studienreferat Ihrer Bildungseinrichtung ab. • Sollte eine gemeinsame Bearbeitung eines Themas durch mehrere Studierende angestrebt werden, so ist das nur dann zulässig, wenn die Leistungen der einzelnen Studierenden gesondert beurteilbar bleiben. • Die Aufgabenstellung einer Diplom-, Magister- bzw. Masterarbeit ist in der Regel so zu wählen, dass für eine Studierende oder einen Studierenden die Bearbeitung innerhalb von sechs Monaten möglich und zumutbar ist. • Erfordert die Bearbeitung einer Abschlussarbeit die Verwendung von Geld- oder Sachmitteln von Einrichtungen der Bildungseinrichtung (z.B. Labor), so ist die Leiterin bzw. der Leiter dieser Einrichtung über die beabsichtigte Verwendung zu informieren. • Der oder dem Studierenden ist (innerhalb einer Frist) Einsicht in die Beurteilungsunterlagen zu gewähren. • Wissenschaftliche Arbeiten, die an einer anerkannten inländischen oder ausländischen Bildungseinrichtung positiv beurteilt wurden, sind von dem für die studienrechtlichen Angelegenheiten zuständigen Organ nur dann anzuerkennen, wenn sie den Anforderungen einer wissenschaftlichen Arbeit der anerkennenden Stelle entsprechen. • Positiv beurteilte Abschlussarbeiten unterliegen in der Regel der Veröffentlichungspflicht. Ausgenommen sind wissenschaftliche Arbeiten oder deren Teile, die einer Massenvervielfältigung nicht zugänglich sind (z.B. künstlerische Abschlussarbeiten). • Anlässlich der Ablieferung einer wissenschaftlichen Arbeit ist die Verfasserin oder der Verfasser durchaus berechtigt, den Ausschluss der Benützung der abgelieferten Exemplare für einen bestimmten Zeitraum (in der Regel längstens fünf Jahre) nach der Ablieferung zu beantragen. Dazu hat die oder der Studierende glaubhaft zu machen, dass wichtige rechtliche oder wirtschaftliche Interessen der oder des Studierenden gefährdet sind (etwa bei der Verwertung aktuell sensibler Daten oder bei einer Auftragsarbeit für eine öffentliche Stelle oder ein Unternehmen). Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 1.3 Thema und Betreuer Für Haus- und Seminararbeiten sind die Themen bzw. Forschungsfragen meist vorgegeben oder ergeben sich schlüssig aus den Seminarinhalten. Bei Master- bzw. Magisterarbeiten oder Diplomarbeiten besteht in der Regel höherer Aufwand, ein Thema und/oder einen Betreuer für die Arbeit zu finden. Tipps zum Finden eines Themas Legen Sie eine Ideensammlung an und dokumentieren Sie dort u. a.: • Ideen aus Lehrveranstaltungen und Lehrmaterialien • Interessante Artikel und Beiträge aus Fachliteratur und den Medien • Persönliche Fragen, die zu einer Arbeit ausgestaltet werden können • Angebote von Instituten (eventuell in Zusammenarbeit mit externen Auftraggebern) • Angebote von Firmen und Organisationen, eventuell in Form von „Forschungsprojekten“ Klären Sie, ob es bereits eine wissenschaftliche Arbeit mit demselben Thema und derselben Herangehensweise gibt. Es ist schon vorgekommen, dass eine Arbeit aus diesem Grunde wieder verworfen werden musste. Inhaltlich können sich wissenschaftliche Arbeiten zu dem selben Thema – je nach Aufgabenstellung und Forschungsfrage – aber auch ausreichend unterscheiden, um jeweils als eigenständige Arbeit zu bestehen!5 Eine „Recherche zum Thema“ macht jedenfalls Sinn. So erhalten Sie beispielsweise bei einer Titel- bzw. Stichwortrecherche zum Thema: „Frauen in der Politik“ im Online-Katalog des österreichischen Bibliothekenverbundes obvsg folgendes Ergebnis zu bereits vorhandenen wissenschaftlichen Arbeiten:6 5 Zum Beispiel durch eine andere Forschungsfrage. Mehr dazu im folgenden Kap. 1.4. 6 Vgl. dazu http://www.obvsg.at, Darstellung ist ein gefilterter Auszug aus dem Ergebnis. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit Abbildung 1: Abfrage zu einem Thema im Online-Katalog Zu den einzelnen Einträgen können dann weitere Informationen wie Standort oder Institut, beim dem die wissenschaftliche Arbeit eingereicht wurde, abgerufen werden. Gleichermaßen können Sie diese Abfragen auch in den Online-Katalogen der deutschen oder schweizerischen Bibliothekenverbünde durchführen. Eine umfassende Recherche ermöglicht Karlsruher Virtueller Katalog (www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html), der neben den deutschsprachigen Bibliothekenverbünden auch mehrere internationale Bibliotheken erfasst.7 Tipps zum Finden eines Betreuers Wenn Sie zu einer bestimmten Themenidee keinen geeigneten Betreuer kennen, der dieses Forschungsgebiet betreut, ist es hilfreich, sich über die jeweiligen Forschungsgebiete des wissenschaftlichen Personals zu informieren. Die meisten (Hoch)Schulen bieten Abfragen der Forschungsschwerpunkte des wissenschaftlichen Personals über die Website.8 7 Siehe dazu auch Kap. 3.2.2. 8 Informationen dazu gibt es in der Regel beim jeweiligen EDV-Zentrum. 2Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit Um eine Betreuungsperson für sich zu gewinnen, führen Sie ein persönliches Gespräch, auf das Sie sich entsprechend vorbereiten. Gehen Sie niemals unvorbereitet in ein solches Gespräch. Ein „professioneller Eindruck“ kann entscheidend für den positiven Ausgang der Unterhaltung sein. Abgesehen von der Vermittlung Ihrer Motivation, warum Sie sich für das eine oder andere Thema entschieden haben, sollten Sie dem Betreuer eine Disposition9 – zumindest ein grobes Inhaltsverzeichnis mit Kommentaren – vorlegen. Zusammenarbeit mit dem Betreuer Für eine möglichst zielorientierte und effiziente Zusammenarbeit mit dem Betreuer empfehlen wir, folgende Punkte schon zu Beginn der Kooperation zu besprechen: • Klärung der beidseitigen Erwartungen: Schwierigkeiten in der Zu- sammenarbeit ergeben sich meist durch Missverständnisse über die Erwartungen an den Prozess. Sprechen Sie das aktiv an. • Art und Häufigkeit der Kommunikation: Intervalle und Fristen für die Kontaktaufnahme, E-Mail-Kommunikation oder persönliche Treffen … • Zeitplan: Legen Sie die Arbeitsschritte in einem Kalender fest. • Protokolle: Verfassen Sie kurze Memos über gemeinsam getroffene Vereinbarungen und schicken Sie diese Ihrem Betreuer. Im Zweifelsfall kommunizieren Sie besser einmal zu viel als einmal zu wenig mit Ihrem Betreuer. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit liegt in beider Interesse. Viel Erfolg dabei! 9 Siehe dazu auch Kap. 1.5. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 1.4 Forschungsfrage Wissenschaftliche Arbeiten drohen besonders dann zu scheitern, wenn das Thema zu allgemein gehalten ist. Masterarbeiten zu Themen wie: „Die politischen Parteien seit 1945“, „Das Qualitätsmanagement“ oder „Neue Medien und ihr Einfluss auf die Gesellschaft“ werden – wenn überhaupt – kaum in einer annehmbaren Zeit zu bewältigen sein. Somit ein zentraler Punkt gleich vorweg: Das Thema ist nur der (Arbeits-)Titel Ihrer wissenschaftlichen Arbeit! Ein ausführliches Elaborat zu einem Thema ist für sich noch kein Beitrag zum Fortschritt des Fachbereiches und der Wissenschaft. Nur die Beantwortung einer Forschungsfrage, gleichsam das Fazit Ihrer Arbeit, liefert einen Erkenntniszuwachs: Das Ergebnis Ihrer wissenschaftlichen Arbeit soll eine Antwort liefern, und zwar die Antwort auf eine Forschungsfrage! 1.4.1 Formulieren der Forschungsfrage Versuchen Sie, den Forschungsschwerpunkt Ihrer Arbeit in einer einzigen Frage zu formulieren. Sie werden feststellen, dass Sie damit Ziel und Zweck Ihrer Arbeit besser und klarer definieren können. Das Formulieren einer guten Forschungsfrage ist ein notwendiger Prozessschritt am Beginn des Verfassens einer wissenschaftlichen Arbeit und erfordert auch einen angemessenen Aufwand durch den Betreuer. Einige nützliche Tipps zur Formulierung einer Forschungsfrage: Gute Fragen: • Fragestellung als Leitdifferenz (die Unterscheidbarkeit von ähnlichen, bereits geschriebenen Arbeiten) • Die Frage soll als „W-Frage“ formuliert sein (Was?, Wie?, Warum?) Schlechte Fragen: • Vorannahme („Warum stimmt es, dass …?“) • Zu unkonkret („Welchen Nutzen hat die Menschheit vom Internet?“) • Beeinflussende, tendenziöse Frage („Wie unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrem Interesse für Politik?“) Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit Die Forschungsfrage wird wiederum in Unterfragen unterteilt. Die Unterfragen und -kapitel tragen gemeinsam dazu bei, die Forschungsfrage zu beantworten und liefern Ihnen damit Ansatzpunkte, welche Informationen Sie zur Beantwortung der unterschiedlichen Fragen recherchieren müssen. Um die Forschungsfrage zu beantworten, muss ich: • in Kapitel 1 „abc“ beantworten • in Kapitel 2 „xyz“ beantworten • in Kapitel 3 ... Bedenken Sie! Die Formulierung von Forschungs- und Unterfragen entscheidet letztlich auch über den Stoffumfang. 1.4.2 Grundtypen verschiedener Fragestellungen In der Regel beantworten Bachelor-, Master- und Magisterarbeiten Forschungsfragen aus den Bereichen Beschreibung und Erklärung (siehe unten). Forschungsfragen im Rahmen von Doktorarbeiten und Habilitationen kommen aus allen Bereichen und umfassen meist auch alle fünf Fragetypen als Unterfragen. Versuchen Sie, die Gliederung Ihres Konzepts in Fragestellungen zu formulieren, und Sie werden sehen, wie hilfreich dies für Ihre Arbeit sein wird. Grundsätzlich unterscheiden wir fünf Fragetypen wissenschaftlicher Forschungsfragen:10 10 Beispiel nach Nienhüser/Magnus (1998:6). Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit Fragetyp Beschreibung Erklärung Prognose Gestaltung Kritik/ Bewertung Leitfrage Was ist der Fall? Wie sieht die „Realität“ aus? (oder auch: Sieht die Realität wirklich so aus?) Warum ist etwas der Fall? Wie wird etwas künftig aussehen? Welche Veränderungen werden eintreten? Welche Maßnahmen sind geeignet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Wie ist ein bestimmter Zustand vor dem Hintergrund explizit genannter Kriterien zu bewerten? Beispiel Wie hat sich die Arbeitskräftemobilität in der EU seit 2004 verändert? Warum hat sich die Arbeitskräftemobilität in der EU seit 2004 in bestimmter Art und Weise (nicht) verändert? Wie wird sich die Arbeitskräftemobilität in der EU künftig verändern? Wie kann die Arbeitskräftemobilität in der EU gefördert werden? Wie sind die Maßnahmen der EU bezüglich der Arbeitskräftemobilität im Hinblick auf Chancengleichheit zu bewerten? Abbildung 2: Grundtypen verschiedener Fragestellungen Versuchen Sie, eine möglichst konkrete Forschungsfrage zu entwickeln und mit Ihrem Betreuer abzustimmen. Zum sehr breiten Themenbereich „Arbeitskräftemobilität in der EU“ könnte man mit der Ausgangsfrage: „Wie hat sich die Arbeitskräftemobilität in der EU seit 2004 verändert?“ etwa wie folgt konkretisieren: • am Beispiel einzelner Mitgliedsländer • am Beispiel eines konkreten Unternehmens mit Niederlassungen in mehreren EU-Ländern • am Beispiel eines konkreten EU-Förderprogramms • am Beispiel der EU-Grundfreiheiten: „Niederlassungsfreiheit“ oder „Dienstleistungsfreiheit“ • in einem konkreteren Zeitraum Eine konkretere Forschungsfrage wäre zum Beispiel: Welche Auswirkungen hatten die Grundfreiheiten ‚Niederlassungsfreiheit‘ und ‚Dienstleistungsfreiheit‘ für die Arbeitskräftemobilität des EU-Mitgliedslandes Ungarn seit EU-Beitritt im Jahr 2004 bis Ende 2007? Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit oder Welche Auswirkungen hatten der EU-Beitritt 2004 sowie die uneingeschränkte Arbeitsmarktöffnung im Mai 2011 auf die Arbeitskräftemobilität aus Ungarn nach Deutschland und Österreich im kurz- und langfristigen Vergleich? oder Wie begründeten die deutsche und die österreichische Bundespolitik die nur für ihre Nationalstaaten gültigen Übergangsfristen zur Arbeitskräftemobilität von sieben Jahren ab EU-Beitritt Ungarns 2004 bis hin zur vollkommenen Arbeitsmarktöffnung 2011 und wie gingen die Arbeitgeberverbände in Deutschland und Österreich mit diesen Begründungen um? Prinzipiell können Sie Forschungsfragen für ein theoretisches oder praktisches Problem formulieren. Bei theoretischen Forschungsfragen wird eine Grundlagenarbeit aus der Literatur ausreichend sein, bei praktischen Fragestellungen wird ein entsprechender Empirieteil nötig und sinnvoll sein. Bereits bei der Formulierung der Forschungsfrage sollten Sie die Grundsätze des wissenschaftlichen Forschungsprozesses (vgl. Kap 3.1.4) berücksichtigen. Maßgeblich sind hier: • Der Entdeckungszusammenhang: Warum ist dieses Problem so relevant, sodass es erforscht werden soll? Was ist die Motivation des Forschers, gegebenenfalls was sind die Interessen eines Auftraggebers? • Der Begründungszusammenhang: Welche Theorien können angewendet werden und welche Informationen werden zur Beantwortung der Forschungsfrage benötigt? • Der Verwertungszusammenhang: Für welchen Zweck sollen die Ergebnisse verwendet werden? Die Forschungsfrage ist die Leitlinie für Ihre wissenschaftliche Arbeit. Behalten Sie dazu folgende Aspekte im Gedächtnis: • Aufbau und Inhalt der Arbeit orientieren sich an der Forschungs frage. • Erkenntnis und deren Erklärung ist Ziel der Wissenschaft und somit Ziel Ihrer Arbeit. • Mit der Beantwortung der Forschungsfrage(n) und den dazugehörigen Begründungen liefern Sie Ihren wissenschaftlichen Beitrag. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 1.5 Inhaltlicher Aufbau der Disposition und der späteren Arbeit Die Disposition ist das Konzept der Arbeit und stellt in der Regel ein Inhaltsverzeichnis ohne Inhalt dar. Sie muss aber bereits eine Forschungsfrage enthalten und zeigt anhand der geplanten Kapitel einen „roten Faden“ zur Beantwortung dieser Forschungsfrage. Grob umfasst die inhaltliche Gliederung (Gliederung des Textteils) der Arbeit:11 • Einleitung • Hauptteil • Schluss (Fazit) 1.5.1 Einleitung Die Einleitung fungiert als Einführung in das Thema, Rechtfertigung der Themenstellung sowie der Forschungsfrage und soll den Bezug zur aktuellen Diskussion herstellen. Die Einleitung umfasst vier Aspekte: 1. Relevanz (warum ist das Thema überhaupt wichtig?) 2. Forschungsfrage (welche Frage[n] will die Arbeit beantworten?) 3. Vorgangsweise (wie gehe ich beim Bearbeiten und Beantworten der Frage[n] vor?) 4. Sinnstiftung (für welchen Zweck sollen die Ergebnisse verwendet wer- den?) 1.5.2 Hauptteil Das Thema soll im Kontext der wissenschaftlichen Diskussion stehen. Hierzu erfolgen zunächst ein Überblick über die unterschiedlichen theoretischen Definitionen und Ansätze zum jeweiligen Thema und eine Abgrenzung zu anderen verwandten Themen und Begriffen. Es ist zweckmäßig, zuerst die Hauptpunkte der Arbeit (Probleme, Fragen, Theorien etc.) klar darzustellen und dann die jeweiligen Unterpunkte zu formulieren. Hierbei muss der „rote Faden“ erkennbar sein. Der umge- 11 Die formale Gliederung (Deckblatt, Vorwort, Inhaltsverzeichnis, Anhang, Fußnoten, Gliederungstiefe etc.) behandeln wir später in Kap. 2. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit kehrte Weg (vom Speziellen zum Allgemeinen) ist weniger empfehlenswert, weil sich so Überschneidungen und Unklarheiten schwer vermeiden lassen. Auch die Unterkapitel werden in Einleitung, Hauptteil und Schluss gegliedert. Das ist nicht nur für die übersichtliche Bearbeitung des Themas, sondern auch besonders bei der ersten Begutachtung durch den Betreuer von entscheidender Bedeutung (siehe Kap. 1.8). 1.5.3 Schluss (Fazit) Den Abschluss der Arbeit bildet die Beantwortung der Forschungsfrage, die Sie in der Einleitung aufgeworfen haben. Das Schlusswort soll eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Punkte der Arbeit umfassen und darf durchaus auch persönliche Bemerkungen und Bewertungen enthalten. Am Ende der Arbeit kann auch ein kurzer Ausblick stehen. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 1.6 Tipps zur Planung 1.6.1 Zeiteinteilung Egal wie viel Zeit Sie sich letztendlich für Ihre wissenschaftliche Arbeit nehmen (können), wir empfehlen Ihnen, nach der Vorbereitungsphase (Themenfindung, Gewinnen eines Betreuers, Literaturüberblick, Formulierung der Forschungsfrage etc.) jeweils 20% für die Erkundungs- und Strukturierungsphase (Literaturrecherche und -studium, Konzeption, inhaltlicher Aufbau) sowie jeweils 30% für Schreib- und Reflexionsphasen anzuberaumen. Unterschätzen Sie bei Ihrer Zeiteinteilung nicht die Reflexionsphase. Korrekturlesen, Fehlerkorrektur, Überdenken, Überarbeiten und eventuell Umgestalten der Arbeit sowie Layoutieren der Endfassung nehmen erfahrungsgemäß einen beträchtlichen Anteil Ihrer zeitlichen Ressourcen in Anspruch. Grad der Konkretheit Reflexionsphase Schreibphase Strukturierungsphase Erkundungsphase Vorbereitungsphase Phasen Abbildung 3: Die Phasen einer wissenschaftlichen Arbeit12 12 Vgl. Schädler/Hohmeier (1997:15). Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 1.6.2 Arbeitstagebuch Zur Dokumentation Ihres Arbeitsfortschrittes und zur Motivation kann ein Arbeitstagebuch sehr nützliche Dienste leisten.13 Es hilft, den aktuellen Arbeitsprozess zu reflektieren, und dient auch als Erinnerungsblock. Am Ende einer Arbeitssitzung können hier z. B. folgende Fragen beantwortet werden: • Welche Quellen habe ich gesucht, gefunden, gegliedert? • Was habe ich heute gelesen?/Worüber habe ich nachgedacht? • Was habe ich verworfen oder eingegrenzt? • Welche Ideen scheinen beachtenswert? • Wo habe ich Schwierigkeiten, wer kann mir dabei helfen? • Was sind meine nächsten Schritte? ... 13 Vgl. Schädler/Hohmeier (1997:19). Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 1.7 Stil der Arbeit Man kann durchaus witzig und pointiert formulieren, ohne dabei umgangssprachliche Wendungen oder einen allzu saloppen Ton zu gebrauchen. Abgesehen von Irritationen, die ein nicht wissenschaftlicher und inadäquater Stil beim Lesen hervorruft, erwecken plump gewählte Ausdrücke und Formulierungen bei Betreuern eher den Eindruck, Sie hätten Sachlichkeit und wissenschaftlichen Ernst vermissen lassen. 1.7.1 Thesaurus Seien Sie sich dessen bewusst, dass in der Regel die erste sprachliche Formulierung das Gedachte nicht in idealer Form verbalisiert. Erst durch mehrfache Überarbeitungen und Ergänzungen wird der Stil Ihrer Arbeit einem wissenschaftlichen Niveau gerecht werden. Nützliche Dienste kann Ihnen dabei der in den meisten Textverarbeitungsprogrammen enthaltene „Thesaurus“ leisten. Wenn Sie den Thesaurus aufrufen, schlägt Ihnen das Programm zu den von Ihnen eingegebenen Wörtern entsprechende verwandte Begriffe vor. Damit vermeiden Sie die überbordende Verwendung derselben Begriffe. So liefert Ihnen etwa der Thesaurus im Textverarbeitungsprogramm Word für Windows (aufrufbar über das Menü „Überprüfen“) für den Begriff „Anerkennung“ mehrere bedeutungsverwandte Begriffe, also Synonyme, wie etwa: Bestätigung, Auszeichnung, Ansehen, Lob, Bewunderung, Applaus, Anklang, Respekt, Beliebtheit, Hochachtung, Wertschätzung, Ehrung, Belobigung, Würdigung, Zustimmung, Erkenntlichkeit etc. Darüber hinaus werden auch die entsprechenden Antonyme wie etwa Ablehnung, Beanstandung, Beschwerde, Geringschätzung, Kritik, Missachtung etc. angezeigt. 1.7.2 Stilmittel In wissenschaftlichen Arbeiten sind alltagssprachliche Redewendungen oder Stilmittel zu vermeiden. Welche Stilmittel Sie in Ihrer Arbeit besser nicht verwenden, beschreibt unter anderen Theisen anschaulich:14 14 Vgl. Theisen (1998:121ff.). 20 Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit Aspekt Unseriöse Wendungen Superlative, die dem Leser den Eindruck vermitteln sollen, man hätte gerade etwas unglaublich Bedeutsames herausgefunden Künstliche Überhöhungen Abwertende Adverbien, die den dahinter stehenden Satz als gerade noch erwähnenswert und damit unwichtig erscheinen lassen Gedankenlücken Alltagssprachliche Füllwörter Vermeiden Sie … • „Es kann gezeigt werden, dass …“ • „so sagt man“ • „Es ist wohl logisch, dass …“ • „Da leuchtet es selbstverständlich ein, dass …“ • „Das sind deutlichste Indikatoren dafür.“ • „Ein unglaublich falscher Ansatz.“ • „Das ist sicher die optimalste Alternative.“ • „Was sich somit als einzig richtiges Modell herausstellt.“ • „enorm“ • „erheblich“ • „immens“ • „übrigens“ • „irgendwie“ • „eigentlich“ • „Nun, dann widmen wir uns dem nächsten Aspekt.“ • „natürlich“ • „selbstverständlich“ • „an und für sich“ • „gewissermaßen“ • „sozusagen“ Abbildung 4: Stil der Arbeit Selbiges gilt für den überbordenden Einsatz des Wortes „soll“. • Also nicht: „Im nächsten Kapitel soll untersucht werden, ob“, sondern „Im nächsten Kapitel wird untersucht, ob …“ Achten Sie auf ein ausgewogenes Verhältnis von positiven und negativen Aussagen. Auch wenn es gegebenenfalls interessant ist, warum etwas nicht funktioniert, so stehen Aussagen, die erklären, warum etwas so ist, wie es ist, aus wissenschaftlicher Sicht im Fokus. Die Verwendung des Ich-Bezugs wird in der Lehre kontroversiell diskutiert. Während einige Lehrende die Verwendung „erlauben“, sehen andere die Verwendung eines Ich-Bezugs als Tabubruch an. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 21 Wir – die Autoren – sind hier der Auffassung, dass es durchaus auf den wissenschaftlichen Kontext ankommt. „Kritischere“ Einlassungen wie z. B. Cultural Studies, Gender, Postcolonial Studies oder aber auch normative Diskurse (z. B. der Wirtschafts- und Medienethik) haben mehr Raum für derlei Aussagen. Ganz prinzipiell haben unseres Erachtens Werturteile der Autorin/des Autors in der eigenen Arbeit Platz, sofern diese auch als solche transparent gemacht werden. Das gelingt mit Formulierungen, die explizit auf Ihre Meinung verweisen, wie: • „Meines Erachtens“ bzw. „m. E.“ Persönliche Bemerkungen oder Bewertungen haben jedenfalls im Schlussteil der Arbeit Platz. Bei der Beantwortung der Forschungsfrage können Sie durchaus Ihre Meinung dokumentieren. Jedoch ist es auch hier nötig, Ihre Meinung unmissverständlich und in Abgrenzung zu den Ergebnissen des wissenschaftlichen objektiven Forschungsprozesses als solche kenntlich zu machen! Jedenfalls zu vermeiden sind jedoch Formulierungen wie: • „Ich komme zu dem Schluss, dass …“ Stanley Maloy, Professor an der University of California, schreibt in seinen „Guidelines for Writing a Scientific Paper“:15 “Third vs first person. It is OK to use first person in scientific writing, but it should be used sparingly – reserve the use of first person for things that you want to emphasize that ‚you‘ uniquely did (i.e. not things that many others have done as well). Most text should be written in the third person to avoid sounding like an autobiographical account penned by a narcissistic author.” Häufig sind Arbeiten mit Dass-Sätzen überfrachtet. Dies können Sie vermeiden, indem Sie in „Dass-Konstruktionen“ den einleitenden Satzteil auf ein einziges Wort reduzieren. Also statt „Es ist bekannt, dass Bienen zu den Blumen fliegen …“ schreiben Sie besser: „Bekanntlich fliegen Bienen …“ oder statt „Hier liegt es nahe, dass …“ besser: „Naheliegend ist“ oder statt „Es ist offensichtlich, dass …“ schreiben Sie: „Offensichtlich haben …“. 15 Online unter URL: http://www.sci.sdsu.edu/~smaloy/MicrobialGenetics/topics/scientificwriting.pdf [30.5.2011]. 22 Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 1.7.3 Gendermainstreaming Die Frage der Verwendung geschlechtsneutraler Formulierungen in wissenschaftlichen Texten polarisiert. Wir geben Ihnen hier einige Hinweise, wie Sie Rücksicht auf eine geschlechtergerechte(re) Sprachverwendung nehmen können und trotzdem den Lesefluss nicht beeinträchtigen.16 Sofern Sie diese Strategie ernsthaft verfolgen, können Sie neben dem (schon obligaten) Hinweis am Beginn einer wissenschaftlichen Arbeit: „Auf geschlechtsneutrale Formulierungen wurde aus Gründen der Lesbarkeit verzichtet. Im Text sind immer beiderlei Geschlechter gemeint.“ mit gutem Gewissen – so oder so ähnlich – hinzufügen: „Trotzdem wurde (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) auf möglichst geschlechtsneutrale Formulierungen geachtet.“ Zur Umsetzung haben Sie zwei Möglichkeiten: a) Sichtbarmachen des Geschlechts b) Neutralisieren des Geschlechts Grundsätzlich sind Methoden des Sichtbarmachens zu bevorzugen, weil sie eindeutig das natürliche Geschlecht benennen. Bei umfangreichen Texten können ergänzend dazu Methoden des Neutralisierens eingesetzt werden. • Vermeiden Sie das Binnen-I („der/die TeilnehmerIn, TeilnehmerInnen“). Es ist zwar die „einfachste“ und platzsparendste Form geschlechtergerechter Formulierung, allerdings werden ohnehin schon lange Wörter durch das Binnen-I noch länger und damit schwerer lesbar. Zum Teil entstehen bei ungeübten AutorInnen grammatikalisch falsche oder nicht existente Worte („die/der ÄrztIn“). • Auch nicht ratsam sind Erweiterungen, die auf Artikel, Pronomen oder unbestimmte Zahlwörter angewendet werden („jedeR TeilnehmerIn“), weil dieses Format nicht nur die ungeübte Autorin bzw. den ungeübten Autor, sondern auch die ungeübten Leserinnen und Leser überfordert. • Bei wissenschaftlichen Arbeiten ist es besser, sich im Plural für die Paarform zu entscheiden („Teilnehmerinnen und Teilnehmer“) und diese mit neutralen Formen („Teilnehmende“) zu kombinieren.17 16 Vgl. http://www.birgit-primig.at/textgestaltung/gender-regeln-1 sowie http://www.uni-klu.ac.at/akgleich/old/assets/pdf/kurz_und_buendig_druckversion.pdf [7.1.2010]. 17 Bei der Paarform empfiehlt es sich, die weibliche Form vor die männliche Form zu stellen, und das durchgängig. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 23 Anbei finden Sie noch einige Hinweise und Beispiele für die Praxis: statt … können Sie schreiben … Verwendung geschlechtsneutraler Bezeichnungen im Plural: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Bedienstete, Arbeitskräfte, Team, Belegschaft Teilnehmerinnen und Teilnehmer Teilnehmende LehrerIn (LehrerInnen) Lehrende, Lehrperson(en) VorgesetzteR Führungskraft Anstatt sich auf konkrete Personen zu beziehen, wird deren Funktion, Amt oder Gruppenzugehörigkeit benannt: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Projekts das Projektteam die Referatsleiterin/der Referatsleiter die Referatsleitung Kreative Formulierungen: Zugang für RollstuhlfahrerInnen rollstuhlgerechter Zugang TeilnehmerInnenliste Teilnahmeliste PraktikantInnenstelle Praktikumsstelle Rat der Ärztin/des Arztes ärztlicher Rat Passivformen: Die AbsolventInnen erhalten nach dem Kurs eine Bestätigung. Nach Absolvierung des Kurses wird eine Bestätigung ausgestellt. Die TeilnehmerInnen der Sitzung haben In der Sitzung wurde eine To-do-Liste eine To-do-Liste erstellt. erstellt. Sichtbarmachen des Geschlechts im Plural (bei Wörtern, wo weder im Singular noch im Plural erkennbar ist, ob es sich dabei um weibliche oder männliche Personen handelt): die Befragten/die Mitglieder die weiblichen Befragten/Mitglieder bzw. die männlichen Befragten/Mitglieder Abbildung 5: Geschlechtergerechte Formulierungen 24 Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 1.8 Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten In die Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten fließen gleichermaßen formale, inhaltliche und methodische Aspekte ein. 1.8.1 Methodik beim Beurteilen der Arbeit Erfahrungsgemäß wird bei der Beurteilung die wissenschaftliche Arbeit – besonders wenn sich der Beurteiler in einem ersten Durchgang einen Überblick verschaffen will – nicht einfach von Anfang bis Ende durch gelesen, sondern: • Nach Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses folgt die Einleitung, um Themenstellung, Forschungsfrage und Vorgangsweise zu prüfen. • Danach folgen Schluss bzw. Zusammenfassung zur Erkundung der Ergebnisse und ob diese einer objektiven wissenschaftlichen Form entsprechen. • Der Beurteiler verbindet mit Ihrem Thema bestimmte Quellen, Bücher, Beiträge und kontrolliert deshalb das Literaturverzeichnis. • Danach studiert er den Hauptteil der Arbeit. Hier wiederum zuerst Anfang und Schluss der aufeinander folgenden Kapitel. 1.8.2 Ein Kriterienkatalog zur Beurteilung Zur Beurteilung von wissenschaftlichen Arbeiten hat Bänsch (1998:73ff.) einen Kriterienkatalog zusammengestellt. Dieser Katalog bietet Ihnen Anhaltspunkte, welche Fragen bei der Beurteilung Ihrer Arbeit eine Rolle spielen (können), und wird in diesem Zusammenhang und zum Zwecke einer guten Vorbereitung von uns empfohlen.18 Fragestellung • Ist die Fragestellung klar formuliert? • Ist die Fragestellung themenadäquat, d. h. bezieht sie sich ausschließ- lich auf das vorliegende Thema? • Ist die Fragestellung dem Typ der jeweiligen wissenschaftlichen Arbeit 18 Wir haben lediglich geringfügige Adaptionen auf Basis unserer Erfahrungen vorgenommen. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 25 adäquat, d.h. schöpft sie das Thema hinsichtlich Breite und Tiefe in der Form aus, die man z. B. bei einer Proseminararbeit, einer Seminar arbeit, einer drei- oder sechsmonatigen Masterarbeit oder einer Dissertation fordern kann? Behandlung der Fragestellung • Zeigen die Ausführungen themenfremde und/oder in der dargebotenen Breite nicht themennotwendige Passagen? • Werden Themenfragen komplett ausgelassen oder nur partiell behandelt? • Werden Argumentations-/Beleg-/Beweisketten entwickelt (oder werden einfach Behauptungen aufgestellt, bloße Mutmaßungen und/oder Spekulationen unterbreitet)? • Sind die entwickelten Argumentations-/Beleg-/Beweisketten lückenlos und in sich widerspruchsfrei? • Welche Stärken zeigen die einzelnen Kettenglieder im Sinne von überzeugend/beweiskräftig versus fragwürdig/zweifelhaft? • Werden in Relation zu dem zu demonstrierenden wissenschaftlichen Niveau „Selbstverständlichkeiten/Trivialitäten“ ausgebreitet? • Gibt es ungerechtfertigte Wiederholungen? Ergebnisse • Sind die Ergebnisse klar formuliert? • Harmonisieren die Ergebnisse mit der Fragestellung? • Sind die Ergebnisse in sich widerspruchsfrei? • Sind sie die folgerichtigen Schlussglieder von Argumentations-/Beleg-/ Beweisketten? Definitionen, Prämissen, Untersuchungsdesigns • Sind alle definitionspflichtigen Begriffe klar und problemstellungsgemäß gefasst und konsequent durchgehalten sowie Definitionsunterschiede bei Literaturbezügen korrekt berücksichtigt? • Sind alle verwendeten Prämissen und im Laufe der Arbeit vollzogene Prämissenänderungen jeweils klar angezeigt und haben Prämissenunterschiede bei Literaturbezügen die notwendige Beachtung gefunden? • Ist im Falle eigenvollzogener empirischer Untersuchungen das jeweilige Untersuchungs- und Auswertungsergebnis klar und vollständig offen 26 Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit gelegt und ist bei Bezugnahmen auf fremdvollzogene empirische Untersuchungen deren Design verständig berücksichtigt? Stil und Sprachregeln • Ist die Arbeit in ihrer Wortwahl und Ausdrucksweise eindeutig verständlich, prägnant und treffend? • Sind die einzelnen Sätze klar, inhaltlich aussagefähig und in sich logisch? • Sind die Satzverknüpfungen sprachlich und logisch korrekt, spiegeln die Satzfolgen in lückenloser Form die dem Untersuchungsziel adäquaten Gedankenabläufe wider? • Zeigt die Arbeit Verstöße gegen die Regeln der Rechtschreibung, Grammatik oder Zeichensetzung? Literaturbearbeitung und Zitierweise • Wurde qualitativ angemessene Literatur in gebührendem Umfang herangezogen? • In welchem Umfang spiegelt sich die im Literaturverzeichnis ausgewiesene Literatur tatsächlich im Text der Arbeit wider? • Wurde die Literatur korrekt (ohne Verfälschungen, auf letztem Stand, primär) ausgewertet? • In welchem Grade und auf welchem Niveau ist kritische Auseinandersetzung mit der Literatur zu registrieren? • Ist die Zitierweise adäquat (unnötiges Zitieren, Ausmaß wörtlichen Zitierens)? • Ist die Zitierweise korrekt (eindeutige Erkennbarkeit übernommenen und eigenen Gedankengutes, Vollständigkeit der Angaben zu den einzelnen Quellen)? Gliederung • Ist die Gliederung formal korrekt (konsequente Gliederungs-Klassifikation, tatsächliche und vollständige Untergliederung, richtige Zuordnung von Ober- und Unterpunkten, Kriterienreinheit der Untergliederungen, angemessene Gliederungstiefe)? • Ist die Gliederung in allen Teilen und insgesamt inhaltlich verständlich und in Bezug auf das Thema aussagekräftig? Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 27 Eigenständigkeit • Zeigt die Arbeit Eigenüberlegungen in Form eigener Ansätze, zeigt sie Umsetzung eigener Ideen? – Auf welchem Niveau liegen diese Eigenleistungen? – Wie treffend/abgesichert erweisen sie sich? • Werden Literaturlücken registriert und zu schließen versucht? • Werden Widersprüche und Fragwürdigkeiten in der Literatur herausge- arbeitet, kommentiert und aufzulösen versucht? • Zeigt die Arbeit Eigenständigkeit hinsichtlich – des Konzeptes der Problembearbeitung – der Darstellung/Illustration, der Verdichtung und Verknüpfung des gesammelten Materials – der Texte zur Wiedergabe/Kommentierung der Literatur? Darstellung und Verzeichnisse • Sind die Darstellungen (Abbildungen, Tabellen) korrekt durchnummeriert und inhaltlich bezeichnet? • Wurden die erforderlichen Verzeichnisse (Inhalts-, Abkürzungs-, Symbol-, Abbildungs-, Literaturverzeichnis) korrekt angelegt und an der jeweils richtigen Stelle der Arbeit platziert? Reinschrift • Sind das Deckblatt und alle Textseiten in richtiger Aufteilung (Rand, Zeilenabstände) gut lesbar (Größe, Kontuierung) gestaltet und in richtiger Form nummeriert? • Wurde die eventuell vorgegebene Seitenzahl eingehalten? • Ist die eventuell geforderte Eidesstattliche Erklärung korrekt verfasst, datiert und eigenhändig mit Vor- und Zunamen auf allen einzureichenden Exemplaren unterschrieben? 28 Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 1.9 Die Abfassung der Arbeit in englischer Sprache Immer noch in der Minderheit, aber im Steigen begriffen sind wissenschaftliche Abschlussarbeiten in englischer Sprache. Wir möchten Ihnen an dieser Stelle einige Hinweise geben. Für die Details verweisen wir als Literaturempfehlung etwa auf Tim Skern, „Writing Scientific English: A Workbook“ (2009). Die englische Sprache weist im Vergleich zum Deutschen einige Unterschiede auf, die Sie beachten sollten. Auch wenn Englisch im Bereich der Wissenschaften die globale Sprache ist, so ist dies historisch begründet und nicht etwa aufgrund einer besonderen Charakteristik der Sprache selbst. Vorteilhaft ist die englische Sprache durch ihre vergleichsweise einfache Grammatik und einen reichen Wortschatz. Unkompliziert auch deshalb, weil Gender-Fragen im Englischen entfallen. Eine Detailfrage für Studierende ist, ob die Arbeit in British English oder in American English verfasst werden soll. Wir teilen hier die Einschätzung von Tim Skern, dass jedenfalls eine klare und konzise Verwendung der Sprache im Vordergrund steht. Sollten Sie Ihre Arbeit in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlichen wollen, dann werden Ihnen die Lektoren beim „streamlinen“ Ihrer Arbeit ohnedies unter die Arme greifen. American English ist „jünger“ und damit unkomplizierter, was etwa auch die Verwendung der Artikel („a“ oder „the“) betrifft. Es empfiehlt sich, einige wissenschaftliche Arbeiten in englischer Sprache zu lesen, um betreffend Aufbau und Stilistik an Sicherheit zu gewinnen. Häufig werden die Quellen zu einem Kapitel am Ende desselben und nicht erst am Ende der Arbeit angeführt, Quellenverweise sind häufiger im Text als unter Fußnoten zu finden. Der Weg zur Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit 29 Ein „Scientific Paper“ enthält folgenden Aufbau:19 Abstract: An abstract is a succinct summary of the entire paper. The abstract should briefly describe the question posed in the paper, the methods used to answer this question, the results obtained, and the conclusions. It should be possible to determine the major points of a paper by reading the abstract. Introduction: The Introduction should (i) describe the question tested by the experiments described in the paper, (ii) explain why this is an interesting or important question, (iii) describe the approach used in sufficient detail that a reader who is not familiar with the technique will understand what was done and why, and (iv) very briefly mention the conclusion of the paper. Materials and Methods: The Materials and Methods section should succinctly describe what was actually done. It should include description of the techniques used so someone could figure out what experiments were actually done. Results: Begin each paragraph with an opening sentence that tells the reader what question is being tested in the experiments described in that paragraph. Write the opening sentence in bold font for emphasis. (Sometimes a complete sentence is used and sometimes a short phrase is used.) Discussion: Do not simply restate the results – explain your conclusions and interpretations of the Results section. How did your results compare with the expected results? What further predictions can be gleaned from the results? 19 Vgl. Stanley Maloy: Guidelines for Writing a Scientific Paper, online unter URL: http:// www.sci.sdsu.edu/~smaloy/MicrobialGenetics/topics/scientific-writing.pdf [30.5.2011].